Von der Notkersegg in die weite Fussballwelt

Von der Notkersegg in die weite Fussballwelt

9. Dezember 2019 Aus Von David Lendi

Am 25. Mai 2019 endete eine grün-weisse Vorzeigekarriere. Nach 17 Jahren als Fussballprofi beendete Tranquillo Barnetta seine Laufbahn, wie einst versprochen, bei seinem Herzensverein dem FC St. Gallen. Wir schauen mit ihm und Weggefährten auf seine Ausnahmekarriere zurück.

 

Schlusspfiff

Am 25. Mai 2019 bestritt Barnetta sein letztes Spiel als Fussballprofi. Wie er und sein Vater den emotionalen Abend im Zürcher Letzigrund erlebt haben, siehst du im Video.


Die Zahlen

Kein Spieler aus dem Nachwuchs des FC St. Gallen hat eine grössere Karriere hingelegt als Barnetta. Barnetta trug während seiner 17-jährigen Laufbahn sechs Vereinstrikots. Wie viele Minuten er für welchen Verein gespielt hat, erkennst du in folgender Grafik:

Kein Spieler aus dem Nachwuchs des FCSG erreichte je einen höheren Marktwert als Tranquillo Barnetta. Hier siehst du seine Markt-Entwicklung:

Früh übt sich

Tranquillo Barnetta ist das jüngste Kind einer vierköpfigen Familie. Er wuchs im St. Galler Notkersegg-Quartier auf und verbrachte jede freie Minute mit seinem Bruder auf dem Fussballplatz.


Der Durchbruch

In seiner Karriere als Profi blieb Barnetta ein Titelgewinn vergönnt. Kurz vor seinem ersten Profivertrag beim FC St. Gallen stemmte er jedoch völlig überraschend mit der U17-Nationalmannschaft den EM-Pokal in den Himmel. Sein damaliger Trainer und heutiger Präsident des FC Frauenfeld Markus Frei erinnert sich an den damals 16-Jährigen.


Von der Kurve auf den Rasen

Der Europameistertitel öffnete dem vielseitig einsetzbaren Mittelfeldspieler Tür und Tor ins Profibusiness. Zwei Monate nach dem Titelgewinn debütierte Barnetta für die erste Mannschaft des FC St. Gallen. Damit ging für ihn ein Bubentraum in Erfüllung. Er wechselte von der Fantribüne auf den Rasen. Ausgerechnet gegen den grossen Rivalen aus Basel markierte er den 1:0-Führungstreffer im legendären Espenmoos. Er und sein erster Profitrainer Gérard Castella erinnern sich an seinen ersten Treffer vor heimischer Kulisse.


Sprung ins Ausland

Sein Talent weckte Begehrlichkeiten von Klubs aus dem Ausland. Reiner Calmund, welcher Barnetta zu Leverkusen lotste, erinnert sich, dass auch der FC Basel den St. Galler Jungspund umgarnte. Für den Stadtsanktgaller kam ein Wechsel ans Rheinknie aber nie in Frage. Er entschied sich jedoch im Frühjahr 2004 für einen Wechsel nach Leverkusen.


Der Rückschlag

Um Spielpraxis zu sammeln, wurde der St. Galler von Bayer Leverkusen zum weniger ambitionierten Bundesligisten Hannover 96 ausgeliehen. Wegen einer Verletzung wurde daraus aber nichts. Barnetta riss sich im Länderspiel gegen Israel das Kreuzband und musste ein halbes Jahr pausieren. In seinem ersten Bundesligajahr absolvierte er lediglich 7 Partien für die Hannoveraner. Zum ersten Mal in seiner Profikarriere wurde Barnetta mit einem Rückschlag konfrontiert. Gemeinsam mit seinem Vater Willo blickt er zurück.


Sieben Jahre Leverkusen

Eigentlich wurde der Leihvertrag mit Hannover 96 auf zwei Jahre ausgehandelt. Der neue Sportchef von Bayer Leverkusen, Rudi Völler, holte Barnetta aber früher als geplant aus Hannover zurück. Hier erklärt die deutsche Fussballikone weshalb und wie er Barnetta in Leverkusen als Person erlebt hat.

Die Liebe zwischen Leverkusen und Barnetta war gegenseitig. Während sieben Jahren spielte er für die Werkself und entwickelte sich zum unumstrittenen Stammspieler. In 229 Spielen erzielte der St. Galler 26 Tore und steuerte 51 Torvorlagen bei. Das erfolgreichste Jahr erlebte er mit Leverkusen in der Saison 2010/2011. Damals belegte seine Mannschaft zum Schluss der Meisterschaft den zweiten Tabellenplatz. Auch 2009 fehlte für einen Titelgewinn nicht viel – sein Team verlor im DFB-Pokalfinal gegen Werder Bremen mit 1:0.

Dritte Station im Vereinsfussball

Nach einem verletzungsgeplagten Jahr wechselte Barnetta die Vereinsfarben. Nach sieben Jahren in Leverkusen unterschrieb er im Jahr 2012 bei Schalke 04 einen Dreijahresvertrag. Viele konnten diesem Transfer nach Gelsenkirchen nichts Gutes abgewinnen. Seine Entscheidung bereute er aber nie, schliesslich absolvierte er mit den «Knappen» 2012 seine ersten Champions League Spiele seiner Karriere. Insgesamt verbrachte er zwei Jahre bei Schalke 04. In der Spielzeit 2013/2014 wurde er an Eintracht Frankfurt ausgeliehen.

Die Nationalmannschaft

75 Mal trug der St. Galler das Trikot mit dem Schweizerkreuz auf seiner linken Brust. Dabei stellte der Mittelfeldspieler seine Qualitäten in der Offensive unter Beweis. Er erzielte zehn Treffer und bereitete 13 weitere vor. Während seiner Zeit unter Köbi Kuhn (2004 – 2008) teilte Tranquillo Barnetta das Zimmer mit Christoph Spycher. Der heutige Sportchef von YB erinnert sich an Barnetta und sein erstes Aufgebot im Jahr 2004.

Zwischen 2008 und 2014 hiess sein Trainer in der Nationalmannschaft Ottmar Hitzfeld. Mit dem ehemaligen Trainer des FC Bayern München erlebte Barnetta in Südafrika und Brasilien zwei Weltmeisterschaften. Zwischen diesen beiden Turnieren veränderte sich seine Rolle innerhalb des Teams. Ab der Weltmeisterschaft 2014 musste sich Barnetta mit der Reservistenrolle zufriedengeben. Wie der St. Galler mit dieser Situation umging, erzählt dir der ehemalige Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld.

Die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien verfolgte Barnetta von der Bank aus. Nach dem Achtelfinale-Aus gegen Argentinien beendete Ottmar Hitzfeld seine Trainerkarriere. Auf ihn folgte Vladimir Petkovic, welcher die Schweizer Auswahl bis heute trainiert. Zwar gehörte Barnetta für zwei Qualifikationsspiele unter Petkovic zum Aufgebot, danach hörte er aber nie wieder etwas vom Chef der Nationalmannschaft.

Wechsel nach Übersee

Während Barnettas Karriere in der Nationalmannschaft leise zu Ende ging, machten sich 2015 viele FCSG-Fans grosse Hoffnungen, dass ihre Identifikationsfigur vorzeitig nach St. Gallen zurückkehrt. Denn nach elf Jahren in der Bundesliga lief Barnettas Vertrag bei Schalke 04 aus. Der St. Galler stand auch bei vielen Bundesligisten auf dem Einkaufszettel. Am Ende entschied er sich für einen Wechsel zu Philadelphia Union, eine Mannschaft aus der Major-Soccer-League der USA.


Die Rückkehr

Barnetta hielt Wort. Im Winter 2017 kehrte er nach St. Gallen zurück und unterschrieb bei seinem Lieblingsverein einen Vertrag von zweieinhalb Jahren. In dieser Zeit erlebte er mit Joe Zinnbauer, Giorgio Contini und Peter Zeidler drei verschiedene Trainer. Der sportliche Höhenflug des FCSG blieb jedoch auch mit Barnetta aus. Mit ihm klassierte sich der FC St. Gallen auf dem siebten, fünften und sechsten Tabellenrang. Die schwerste Zeit bei seinem Jugendverein erlebte er ausgerechnet in der Startphase seiner letzten Saison. Als frischgebackener Vater wurde er in seiner Heimatstadt auf die Tribüne degradiert. Für ihn und seinen Vater eine schwere Zeit.

Matthias Hüppi sollte Recht behalten. Tranquillo Barnetta kämpfte sich zurück in die Startelf und erzielte in seiner letzten Saison neun Tore und steuerte drei Assists bei. Auch unter anderem dank seinen Toren durften sich die Espen bis zur letzten Runde Hoffnungen auf den dritten Tabellenplatz machen. Am Ende reichte es nur für den sechsten Tabellenplatz.

Emotionaler Abschied

Auf den Tag genau an seinem 34. Geburtstag bestritt Barnetta sein letztes Heimspiel als Fussballprofi. Mit einem 4:1-Sieg gegen den Meister YB verabschiedete sich der St. Galler vom Heimpublikum. Er erzielte ein Tor und verschoss einen Elfmeter. «Quillo», wie er von seiner Familie, Freunden und Fans genannt wird, liess sich vor und nach dem Schlusspfiff für eine unvergleichliche Karriere feiern.

Klicke dich durch die Bilder:

Im Ruhestand

Seit einem Jahr geniesst Tranquillo Barnetta das Leben abseits des Fussballs. Wie er seine Zeit als frischgebackener Vater verbringt und wie er sich seine Zukunft vorstellt hörst du als Schlusswort im Audio.

 

Beitrag von David Lendi vom 23. Dezember 2019